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Diversität im Unterrichtsmaterial - Warum gut gemeint nicht immer gut gemacht ist

Aktualisiert: 31. Jan.



Diversität im Unterricht und in Menschen in ihrer Vielfalt auch in Unterrichtsmaterialien sichtbar machen – ein Plädoyer GEGEN reine Toleranz und für ECHTE Akzeptanz



Dieses Thema ist sehr vielschichtig und wird deshalb etwas umfangreicher. Die wichtigsten Abschnitte habe ich dir deshalb noch einmal in einer Blogübersicht aufgelistet:



Lehrmaterial als Spiegel gesellschaftlicher und politischer Normen und Stereotype


Die Welt unserer Schülerinnen und Schüler ist so vielfältig wie ein Abendessen in Sizilien. Ob Familie, Herkunft, Dialekt, persönliche Interessen und Charaktereigenschaften, körperliche und geistige Fähigkeiten oder Einschränkungen - wir haben oft einen herrlich bunten "insalata mista" in unseren Klassenzimmern.


Im Unterricht und in Lehrmaterialien wurde diese Tatsache lange Zeit fast vollständig ignoriert. Da werden leider immer noch oft die bekannten Stereotype bedient: Menschen hierzulande waren in vielen Lehrbüchern alle weiß, schlank und gesund. Familien bestanden typischerweise aus Mutter, Vater und zwei bis maximal drei Kindern. Der Vater hatte einen angesehenen Beruf, während die Mutter Hausfrau war oder vielleicht einem kleinen, unbedeutenden Nebenjob nachging. Und so weiter und so fort. Rollenbilder und Klischees entsprachen oft dem Ideal einer weißen, gutbürgerlichen Familie und bildeten nicht ansatzweise die Lebensrealität der Lerner ab.




In der Zwischenzeit hat sich viel getan - und das ist auch gut so! Denn seien wir mal ehrlich: wer soll sich von diesen einheitlichen Mustern angesprochen fühlen? Wenn wir mal so durch unsere Klassen blicken, werden wir vielleicht eine Hand voll Schüler finden, zu denen diese erzwungene Norm passt. Der große Rest blieb lange Zeit zumindest unterrepräsentiert, wenn er denn überhaupt vorkam. Wenn solche Lehrbücher auch seltener geworden sind - in vielen Unterrichtsmaterialien wird auch heute noch ein sehr einseitiges Bild der Welt gezeichnet.


Steckte dahinter eine böse Absicht? Gar offene Diskriminierung? Höchstwahrscheinlich nicht. Das Problem liegt viel tiefer: Menschen, die nicht der konstruierten Norm entsprechen, werden einfach nicht mitgedacht. Ungewollt vermitteln wir diesen Kindern durch ihre fehlende Sichtbarkeit, dass sie nicht normal sind. Und so wurden aber die meisten Lehrkräfte, die älter als 30 sind, nun mal sozialisiert. Alles was abweicht wird als „exotisch“, „ungewöhnlich“ oder gar „nicht normal“ wahrgenommen. Diese automatisierte Wahrnehmung zu entdecken und hinterfragen ist schon schwierig genug. Sie abzulegen scheint fast unmöglich, egal wie bemüht man ist. Zu tief ist dieses Denken in uns verwurzelt.


Der Unterschied zwischen Toleranz und Akzeptanz


Wir wollen nun alle endlich raus aus der Ignoranzfalle. Und stolpern dabei allzu leicht in die nächste.


Es ist super, mit Kindern über Rassismus zu sprechen. Fantastisch, wenn man ihnen erklärt, dass ein Kind auch zwei Väter haben kann oder eben gar keinen. Toll, wenn sie erfahren, dass Alisha ein ganz normales Mädchen ist, auch wenn sie im Rollstuhl sitzt. Bewundernswert, wenn man seine Schüler darüber aufklärt, dass auch Frauen wichtige und anspruchsvolle Berufe ausüben können und ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben haben.


Aber es bleibt immer noch Aufklärung. Ein Versuch, das bereits etablierte normierte Wertebild der Schüler ins Wanken zu bringen. Das ist natürlich wichtig, aber es ist nicht ausreichend. Denn angestrebt wird damit Toleranz und nicht Akzeptanz. Nicht falsch verstehen, Toleranz ist wichtig! Aber Akzeptanz ist praktisch Toleranz auf einem höheren Level. Es macht einen Unterschied, ob man die Besonderheiten (wohlgemerkt handelt es sich um Besonderheiten aus meiner normierten Perspektive) eines Menschen toleriert, also hinnimmt oder ob man diesen Menschen einfach akzeptiert und so nimmt wie er ist.



Wenn "gut gemeint" nach hinten los geht

Oder warum der Robert und der Franz doch nicht so normal waren wie wir...


Schon in meiner Kindheit wurde an den Schulen zu mehr "Toleranz" anderen gegenüber aufgefordert. Wie ich im Nachhinein sagen muss, teils sehr unbeholfen und oft auch kontraproduktiv. „Der Robert hat zwar eine andere Hauptfarbe, aber er ist auch ein ganz normaler Mensch!“, ist ein Paradebeispiel dafür. Was ist denn eine andere Hautfarbe? Darunter fällt alles, was sich jenseits des westeuropäischen Phänotyps befindet. Sehen wir uns mal auf der Welt um, stellen wir fest, dass (wenn man überhaupt von einer anderen Hautfarbe sprechen muss) wohl eher „weiß“ anders ist.